MICHAEL ASHKIN

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Here

Hier in der Wüste geht man und malt sich eine Architektur aus im fernen Dunst. Man
bemisst den Fortschritt an den Enttäuschungen ob der Klarheit, die aus ihm herausschält.

Hier wird der schillernde Umriss der ewigen Stadt zum ausgeweideten Kadaver des
Tanklastzugs.

In der Wüste geht man, um zu entkommen, findet aber nur mehr.

In der Wüste ist man nur ein Wort, das im Sand treibt.

In der Wüste verstreut sind Ruinen, wie um die Hoffnung auf das Paradies zu verspotten.
Hier durchsucht man die verlassenen Baracken und Wohnanhänger ohne Erwartung.

In der Wüste bewegt man sich nur im Raum zwischen Überresten.

Hier verliert man sich in der Leere zwischen Worten.

In der Wüste kann man nicht mehr denken.

In der Wüste sitzt man oder geht.

Hier treten Anfang und Ende der Zeit falsch auf. Man sitzt tagelang um des Fahrzeugs
willen, das nicht kommt.

Hier trägt man auf der Haut die Asche aufgegebener Vergangenheit.

Hier kennt man seine Zeit nicht mehr.

In der Wüste liegt die historische Zeit, von der zyklischen Zeit gerissen, die sie gefälscht
hat.

Jetzt sitzt oder geht man, aber man existiert inmitten von Stunden, die nichts bezeichnen.

Man sehnt sich nach gar keiner Zeit, aber man kennt nur die Langeweile.

In der Wüste ist die Vergangenheit ein Land staatenloser Bilder, die der Erlösung harren.

Hier starrt man stundenlang auf eine Scherbe, beinahe im Glauben, es sei morgen.

Er zeigt stumm: Hier ist die Granate eingeschlagen. Die Knochen liegen dort, der Helm
gleich dahinter.

Man sieht zu, ausdruckslos. Macht man eine Bemerkung, dann in einem einzigen Wort:
Rebell. Flüchtling. Eindringling.

In der Wüste weist einem die Identität das Schicksal zu.

In der Wüste wird man zu den eigenen Grenzen, aber man kann sie nicht kennen.

Hier ist Nichtachtung das einzige und unvermeidliche Verbrechen.

Hier trinken Marodeure Whiskey statt Wasser am letzten Tag, den sie erleben.

In der Wüste wird das Leben durch die Trennung von Hier und Dort bezeichnet. Die Welt
steht dort, aber gestorben wird hier.

Wenn man in der Wüste flieht, ist man bereits verloren.

In der Wüste erscheinen die Bewegungen aller Menschen in der Ferne bedrohlich.

In der Wüste bringen Raumzeit und Paranoia einander wechselseitig hervor.

In der Wüste wird Paranoia zur Ursünde.

Hier sieht man am meisten und fühlt sich doch am meisten beobachtet.

Hier wird man aus der Ferne gejagt; hier wird man aus der Ferne ausgelöscht werden.
Das Überleben ist nicht der Unfähigkeit des anderen geschuldet, sondern seiner
Zerstreutheit. Hier leben der Jäger und sein Wild in einer Zeit, die nicht mehr die ihre ist.

In der Wüste bedeutet Glauben den zukünftigen Verrat.

Hier erklärt man seine Feinde, um von Freunden hinterrücks überrascht zu werden.

In der Wüste spürt man den Terror oder man leugnet ihn.

Er steckt im kleinen Punkt, der sich am oder über dem Horizont bewegt.

Er steckt im Lichtschein vor der Explosion.

In der Wüste sind alle Schlachten vorbei, bevor sie angekündigt sind.

Binnen Sekunden ruht über Leichen und Wrackteilen eine archäologische Stille. Der
Krieger neben dem Fahrzeug hatte keine Chance, die felsigen Hügel dort zu erreichen.

In der Wüste begegnet man all dem, über das man anderswo hinwegsehen kann. Hier
bildet man die Ahnungslosigkeit nach aus der Armut der Sprache.

In der Wüste nehmen aus der Panik geborene Einbildungen die Gewissheit von
Prophezeiungen an.

Hier stellt man sich, trotz der Luft, den Tod durch Ersticken vor.

Hier hört man die Schakale, die man lebend nicht mehr sehen wird.

In der Wüste hat man keine Chance ohne eine Waffe.

In der Wüste weiß der bestbewaffnete Mann, dass er das beste Ziel abgibt, dass seine
Waffe mehr wert ist als sein Leben.

Hier sieht ein Mann seine Waffe an und weiß, dass sie ihn überleben wird.

In der Wüste bedecken Fliegen die Oberflächen von allem, was tot ist.

Meilen von der nächsten Nahrungsquelle entfernt, erreichen sie den Kadaver einer Ziege
binnen Minuten. Allein von ihm werden ganze Dynastien wochenlang leben.

Hier ist Optimismus nichts als ein tödlicher Fehler, und so gibt es ihn nicht mehr.
Pessimismus gibt es genauso wenig; er geht ein in die geregelten Abläufe des Tages.

Man starrt, bis man blind wird. Man hat genug Wunder gesehen, um nicht an sie zu
glauben, aber ihr Auftreten muss ein Zeichen sein.

In der Wüste treibt das glänzende Objekt noch immer durch weite Landstriche, die nichts
mehr zählen. Sein Aufblinken kündet von der Entladung uneingelöster Wut.

In der Wüste wohnt der Puppe oder Handtrommel eines Kindes die Möglichkeit
immerwährender Freude inne.

In der Wüste laufen Kinder in heller Begeisterung auf eine Grube voll kerosingetränkten
Mülls zu.

In der Wüste starrt das Kleinkind noch voller Staunen nach dem Hotel in der Ferne;
nimmt es das Bellen des angebundenen Hundes noch mit Heiterkeit wahr; sammelt es
noch interessante Waffensplitter und trägt sie nach Hause.

In der Wüste hängt die Wahrheit vom Wiederauftauchen oder Verschwinden einer
Plastiktüte ab.

Hier führen Wind und Wasser die Geschichte noch einmal auf, für eine weitere
Auslöschung.

Ihrer gnadenlosen Stille gegenüber verlangt die Wüste Unterwerfung.

Wer beim Aufbruch Worte erwirbt, kommt bald zurück, so stumm wie zuvor.

Zurückkehren in die Wüste kann man nur ohne alle Habe.

Die Zeiten, da die Menschen der Wüste Dichter waren, sind vorbei. Hört man Gedichte,
so sind es Reime aus zweiter Hand, aus dem Graben gesungen für Touristen, die durch
Sicherheitskräfte geschützt werden.

In der Wüste erschöpft man sich Tag für Tag an endlosen Variationen desselben
Gedankens.

In der Wüste sucht man nach dem Wort, das noch einmal das Wort sein wird.

In der Wüste gibt man vor, die Stimmen zu überhören, die vom fernen Gefängnis
herüberklingen.

In der Wüste hört man ein ewiges Echo in der wiederkehrenden Explosion.

In der Wüste ist man schon lange an den Rauch gewöhnt, der einem entgegenbrandet von
den Rändern der eigenen Welt.

In der Wüste stellt man sich vor, wie der eigene Körper in den Himmel getragen wird auf
einer Rauchsäule.

Vom Wüstensand aus ist man durch dahintreibende Kondensstreifen den
fernhinwirkenden Mächten verbunden. Man richtet sein Gewehr auf sie in einer leeren
Parodie auf die Rebellion.

Ob künstlich oder nicht: Die Bruchstücke, mit denen die Ebene übersät ist, sind von Oxid
überzogen. Man tritt sie beim Gehen zur Seite. Man hebt sie auf und wirft sie fort ohne
Grund.

Man geht und geht.

Wochenlang geschieht nichts.

Man könnte beinahe glauben, man sei allein.

Entlang der Grenze sammeln Kinder die verkrümmten Geschosse uralten
Maschinengewehrfeuers und bringen sie den Eltern, die sie durchbohren und zu
Halsketten auffädeln.

Das Leben geht weiter im nie nachlassenden Wind. Hier wiederholt das Flattern der
Trommelfelle das Belagerungsgefühl. Wenn man gegen Sonnenuntergang zum Zelt
zurückkehrt, beginnt auch das Segeltuch zu flattern.

Die Wüste ist kein Ort des Rückzugs aus der Welt, sondern einer des Abstiegs in sie.
Alles Umgebende durchdringt und verwandelt das Zufällige ins Wesentliche.

In der Wüste kann nur ein Gott genug Zorn aufbringen, die Welt zu erlösen.

Doch in der Wüste trägt jeder bewaffnete Fremdling die Züge eines Propheten.

In der Wüste stürzt selbst der zornigste unter den Göttern lange vor seiner Verkündigung.

Hier wartet man auf den Kameraden, der nun zur Hälfte vom Sand bedeckt ist.

Dennoch streift man durch die Mulden und über die Hochebenen und verspürt eine
Gegenwart. Man hört Bruchstücke einer Stimme jenseits der flatternden Trommelfelle
und Segeltücher.

Einstweilen aber geht man weiter.

Trotz der Sehnsüchte lebt die Einbildungskraft nur für kurze Zeit auf.

Aufs Neue schließt sich der nichts erlösende Horizont mit immerwährender Eintönigkeit.

Aufs Neue wickelt man sich das Tuch enger um den Kopf und verengt so das
Gesichtsfeld auf die kleinstmögliche Öffnung.

Aufs Neue beschränkt man die Zukunft auf das nächste Dutzend Schritte.

Michael Ashkin, 2009